Ziegensteine auf der Insel Rügen
zwei Großmütter auf dem Godeweg
Christiane van Schie


Im Sommer 1991 hocke ich in einem groben Leinenkleid auf einem Steinmonolithen. Ich spiele ein Menstruationsritual. Ja, ich spiele dieses Ritual, denn ich gehöre zu einer Gruppe junger Leute, die einen Film auf der Insel Rügen drehen. Wir folgen unseren Visionen und Eingebungen, dabei lassen wir uns von magischen Orten auf Rügen zu Bildern, Tänzen, Musik, Schauspiel und Ritualen inspirieren. Während der Dreharbeiten wissen wir nicht, wohin uns die Arbeit an dem Film führen wird. Wir ahnen die Bedeutung und Vorhersage noch nicht. 
Heute sehe ich den Film mit anderen Augen. Inzwischen bin ich mit Ritualen und Zeremonien vertraut - sie gehören zu meinem Alltag. Der Film hat einen wichtigen Teil meines Lebens vorweggenommen.
                                                                                                                                                                                                                                                                                        Foto: Wikipedia.org, Volker Roesing
                                                                                                                              
Im Februar 2011 ruft Annette Rath-Beckmann mich an und fragt, ob ich etwas über alte Godewege auf der Insel Rügen wisse und etwas darüber schreiben könne. Sie fragt nach Kultplätzen, Sagen, Überlieferungen, Orten die noch heute auf die Verehrung der Göttin hinweisen.
Ich hatte gerade die Arbeit an meinem Buch über Schwitzhütten in Europa beendet und keine Lust, schon wieder Geschichtsbücher zu wälzen, zu forschen, Informationen zu sammeln und stundenlang am Computer zu sitzen, um einen Beitrag mit fundiertem geschichtlichem und archäologischem Hintergrundwissen zu schreiben.
Ich sage ihr, dass ich die Göttin vor meiner Hautür zu Fuß erreichen kann und die göttliche Quelle eher in dem, was sich in der Verbindung mit der Natur, in deren Mitte ich lebe offenbart. Es genügt mir, die göttlichen Kräfte in meinem  Garten, bei den Heilkräutern auf den Wiesen ringsum und bei den Holunderbüschen zu finden.
Kurze Zeit später meldet sich Sabine, die Großmutter vom Brennesselhof und fragt, ob ich mit ihr eine Nacht in einem der alten Steinkreise auf Rügen verbringen möchte. Die Idee gefällt mir und ich erinnere mich an den Film. Ich war seit damals nicht mehr an diesem Ort gewesen. Wir verabreden uns für die Nacht der Sommersonnenwende.

Am Abend des 21. Juni öffnet sich der Himmel und es beginnt zu regnen. Das Auto haben wir bis unter´s Dach vollgepackt mit Zelt, Schlafsäcken, Fellen, Trommel, Rasseln, Essen, Tee, Kaffee, Taschenlampen, Kerzen, Räucherwerk, Toilettenpapier, Schreibzeug, Gummistiefeln einer großen regendichten Plane und einem Ziehwagen mit Gummirädern, den wir mit Ach und Krach oben auf unseren riesigen Gepäckberg schieben. Den Wagen nehme wir mit, falls der Waldweg zum Steinkreis gesperrt ist und wir das ganze Gepäck tragen müssen.
Unterwegs müssen wir über unsere Ausrüstung lachen. Wir leben beide auf abgelegenen Höfen inmitten der Natur, haben schon einige Nächte allein, nur mit einem Schlafsack draußen verbracht und benehmen uns jetzt wie zwei amerikanische Touristinnen, die zu einem längeren Campingurlaub fahren.
Der leichte Nieselregen wird unterwegs zu Dauerregen mit heftigen Schauerböen und hat sich bei unserer Ankunft zu einem gleichbleibenden Landregen entwickelt.
An einer Weggabelung am Waldrand entscheiden wir uns für eine schmale mittelalterliche Kopfsteinflasterstraße, die uns in die Vergangenheit zu führen scheint. Als wir nach einigem Suchen die großen dunklen Steine im Wald finden, halten wir direkt daneben und bleiben vorerst im trockenen Auto sitzen. Der Regen trommelt auf das Autodach und wir reden und trinken Kaffee. Ich krame meine Rassel hervor, wir singen und hoffen, dass der Regen bald aufhört. Doch es regnet weiter und es ist inzwischen dunkel geworden. In unsere Regenjacken gehüllt steigen wir aus und erkunden den Platz mit einer Taschenlampe. Ich bemerke, dass sich der Ort in den letzten 20 Jahren verändert hat. Eine Hinweistafel erklärt den Steinkreis in drei Sprachen. Wir erfahren, dass die Bedeutung der ca. 5000 Jahre alten Anlage nicht zweifelsfrei geklärt sei und lachen, als wir lesen, dass die fein ausgearbeitete Rille in dem Wächterstein der  Versuch gewesen sein soll, den Stein zu spalten, um ihn als Baumaterial nutzen zu können.
Wenige Meter neben der Hinweistafel steht ein überdachter Picknicktisch mit zwei Bänken.

„Hast du Lust, das Zelt aufzubauen?“
„Nein“
Sabine antwortet ohne zu zögern und ich will die Nacht auch nicht im Zelt verbringen. Wir entscheiden, unser Lager am Fuß des Wächtersteins mit der Rille einzurichten. Hinter dem großen Stein steht ein junger blühender Holunderbusch. Eine Isomatte und unsere Schlafsäcke, sind alles was wir von unserem vielen Gepäck brauchen, der Rest bleibt im Auto. Auch die Trommel lassen wir da, weil wir die Tiere nicht stören wollen. Wir nehmen nur unsere Rasseln mit. Der schräg in die Erde eigegrabene Monolith eignete sich wunderbar zum anlehnen. Wir sitzen bequem, wie zwei Damen in Liegestühlen auf der Terrasse eines Kurhotels und bemerken verwundert, dass der Platz trotz des stundenlangen Regens vollkommen trocken ist.
Ich zünde Bienenwachskerzen an und Sabine öffnet eine geheimnisvoll verzierte Holzschatulle in der sie Räucherwerk und Ritualgegenstände mitgebracht hat. Sie  beginnt, uns beide und den Platz mit Salbei und Wachholderrauch zu reinigen. Dann lädt sie Kräfte aus allen Himmelsrichtungen ein, und bittet sie, uns das Geheimnis dieses Ortes zu offenbaren.
Ich streue einen Schutzkreis aus getrocknetem Süßgras um unser Lager.
Als wir es uns in den Schlafsäcken mit dampfendem Kaffee und getrockneten Datteln gemütlich gemacht haben, sehe ich ein Licht gerade vor uns durch die Zweige schimmern. Ein Auto? Nein, der Halbmond ist aufgegangen und leuchtet hellorange über dem Horizont durch die Bäume direkt auf unseren Platz. Der Horizont scheint wolkenlos zu sein. Doch über uns in den Blättern hören wir immer noch den Regen rauschen.
Wir bleiben wundersamer Weise die ganze Nacht trocken. Auch die Kerzen werden vom Regen nicht gelöscht. Die Silhouetten der schweren Monolithen neben uns sehen im Mondlicht aus wie alte Wächterfiguren mit Kapuzen, die uns bewachen. Auch den Regen erkennen wir als Schutz, denn bei diesem Wetter würde kaum jemand auf die Idee kommen, mitten in der Nacht durch den Wald zu spazieren. Sabine wollte die Nacht eigentlich schweigend verbringen, doch wir sind neugierig aufeinander. Wir kennen uns kaum. Sie hat mich im letzten Jahr in ihr Heukino zu einer Lesung aus meinem Buch eingeladen.  Als ich ihr sage, dass ich die Batterien für meine Hörgeräte vergessen habe, will sie zumindest so lange reden, bis die Batterien alle sind. Sie sollten die ganze Nacht halten, doch wir hören trotzdem irgendwann auf zu reden.
Wir singen, rasseln, erzählen Geschichten und lauschen. Dann löschen wir die Kerzen und begeben uns durch den Nebel der Zeit auf eine Traumreise in die Anderswelt. Sabine begleitet unsere Reise mit ihrer Rassel. Wir sitzen dicht nebeneinander. Die Monolithen um uns scheinen im Dunkeln zu lebendigen Wesen zu werden. In den alten Bäume offenbaren sich tanzende Gestalten. Über uns hängt ein filigran gewebtes Netz aus Blättern und Zweigen als Schutz. Plötzlich rauscht es von Osten mit solch starker Gewalt, als wenn uns jeden Moment eine mächtige Welle überrollen würde. Ich zucke vor Schreck zusammen und reiße die Augen auf, doch es war nur ein besonders heftiger Regenschauer. Ich sehe in den Zweigen am Waldrand eine Gestalt auf einem Bein stehen und fühle mich wieder sicher und beschützt.
Mir erscheint der Ort als uralter Treffpunkt für Frauen. Frauen feiern ihre Rituale seit Jahrtausenden im Verborgenen und am liebsten im Schutz der Dunkelheit. Die Nacht ist  unsere Freundin.

Die Kraft der Mondin, ihr weiblicher Zyklus von aufsteigen und absteigen, von zunehmen und abnehmen bewegt die Meere und auch den ganzen Erdmantel auf und ab. Der Mondmonat und die Menstruation schwingen im selben Rhythmus. Der Schleier der Dunkelheit verwandelt jeden Abend alles Sichtbare in Unsichtbares. Das ist die Zeit, in der Magie am besten gelingt, in der sich die Türen zur Anderswelt öffnen und Geistwesen sich zeigen, wenn wir sie rufen.
Sabine rasselt immer weiter und ich erinnere mich an die Bilder aus dem Film:
Eine Frau hockt oben auf dem Monolith. Ihr Menstruationsblut tropft durch die Rinne in ein kleines Feuer auf der Erde. Dann sitzt sie vor dem Ritualfeuer auf der Erde und ruft die Kräfte  bis sie neben sich eine Bewegung wahrnimmt. Sie steht vorsichtig auf und geht langsam zu der Stelle, weil sie glaubt, einen schönen nackten Mann wahrgenommen zu haben, doch als sie nahe genug ist, erschrickt sie und weicht zurück. Ein feuriger Geist mit leuchtenden Augen steht vor ihr und sprüht Funken.
Da erklingt das helle Lachen einer jungen Frau. Sie hockt hinter einem Monolithen und hat alles mit angesehen. Sie steht auf, läuft aus dem Wald auf die Lichtung und tanzt in der Sonne - unbeschwert von Sehnsüchten nach schönen Männern. Sie wirbelt, dreht sich um sich selbst, bis sie sich auflöst, so als wäre sie nie da gewesen.

Sabine gibt das Zeichen mit der Rassel, dass es Zeit ist, wieder zurück zu kehren.
Nach einer Weile teilen wir unsere Erlebnisse.
Sie erzählt, dass sie darum gebeten hatte, dass sich ihr das Wesen des Ortes offenbart.
Die Antwort war:
„Wenn du etwas über das Wesen des Ortes wissen willst, dann verbinde dich mit den Steinen und den Bäumen“
Sabine nahm zwei Aufgaben des Platzes wahr: Der Platz im Osten, auf der Seite, wo wir die Nacht verbrachten, war der Platz zum Feiern von Festen und Ritualen. Im Steinkreis im Westen wurden die Toten bestattet. Die äußeren Steine bilden als Wächter einen Schutzkreis um die Grabstellen. Vielleicht sind die Grabsteine auf unseren Friedhöfen ein Überbleibsel der alten Tradition, Grabstellen durch Steinkreise zu schützen und zu kennzeichnen.
Sie war tief berührt von dem Kontakt mit den alten Steinen und den Bäumen an diesem Ort.

Am Horizont zeigt sich der erste Morgenschimmer. Wie auf ein geheimes Zeichen beginnen gleichzeitig unzählige Vögel über uns zu singen. Der stille Ort ist plötzlich erfüllt von lauten Vogelstimmen. Wir schweigen die letzten Stunden bis es hell ist. Sabine bewegt sich wie eine grazile Baumhexe zwischen den Bäumen und berührt die Stämme, lehnt sich an, lauscht, steht lange still, bis sie zum nächsten Baumwesen weiter geht.

Als ich morgens um halb 5 Uhr auf die Landstraße fahren will, rammt uns beinahe ein LKW. Ich kann plötzlich die Geschwindigkeit nicht mehr einschätzen. Es kommt mir so vor, als wenn wir viel zu schnell fahren, aber der Tacho zeigt nur 60 km/h an. Wir scheinen tatsächlich aus einer anderen Zeit zu kommen.
Auf dem Heimweg flüstert mir die Göttin etwas in meine schwerhörigen Ohren.
Ich glaube nicht mehr an die Verehrung von unzähligen Fruchtbarkeitsgöttinnen in einer matriarchalen Zeit.
Wir reden eine Weile darüber.
Wer sollte all die fruchtbaren Frauen einst verehrt haben? Männer? Und nur, weil diese Frauen Kinder gebären können? Und all die anderen Frauen? Die Unfruchtbaren, die Alten, die Lesbischen, Frauen, die keine Kinder wollen, Frauen, die tote oder kranke Kinder geboren haben, was ist mit denen? Wie empfindet eine kinderlose Frau, eine Frau die nie Großmutter werden wird, die Verehrung der Fruchtbarkeitsgöttin? Wie oft wird Kinderwunsch zum Wahn, der in verzweifelten Versuchen künstlicher Befruchtung endet und Trauer, Enttäuschung und Leere hinterlässt.
Wenn Frauen sich über das Kinder gebären definieren oder definiert werden, ist das nichts anderes als eine patriarchose Wertung. Angesichts der weltweiten Überbevölkerung wäre heute viel mehr die Verehrung einer Verhütungsgöttin angebracht. „Kondoma“ die Schutzgöttin der unbefruchteten Eizelle. Viele kinderlose Frauen und auch Männer gebären wertvolle Ideen, Projekte, sind kreativ, heilend und nährend auf der Erde unterwegs.
Geburt, Leben und Tod –  der natürliche Kreislauf aller Lebewesen. Was gibt es an  natürlicher Geburtsfähigkeit zu verehren? Feiern ja, das kann ich mir vorstellen. Freudenfeste, tanzen, lachen, essen, die Mutter und das Neugeborene schmücken, sich freuen, dass ein gesundes Kind geboren ist, dass die Sippe weiter am Leben bleibt - egal ob Mädchen oder Jungchen.
Wir Frauen, die wir seit unzähligen Generationen verletzt wurden und werden, wir brauchen  diese tröstliche  Vorstellung, dass wir alle einst als Göttinnen verehrt wurden. Wir brauchen den Glauben an eine matriarchale Welt - als Trost und als Vision einer heilen Zeit. Diese Vorstellung ist eine Kraftquelle. Doch ich glaube, es wird eine andere Zeit kommen – eine Zeit der Ausgleichung zwischen den Menschen.
Lasst uns mit der Göttin in uns und um uns auf weibliche Weise das Leben feiern und im dunkeln der Nacht still werden und auf ihre Antworten lauschen!

Wir kommen morgens um 6 Uhr bei mir zu Hause an, wünschen uns eine gute Nacht und gehen schlafen. Als ich um 10 Uhr durch den Garten zum Gästehaus gehe, sitzt Sabine nackt in der Sonne auf der Terrasse und telefoniert. Wir trinken noch einen Tee und essen ein wenig, dann muss sie zurück in ihre Welt.

Christiane van Schie
www.frauenheilweise.de

Sabine Barkowsky
www.calla-praxis.de

Godewege für Frauen auf der Kranichinsel Rügen: zum Beispiel zu den Ziegensteinen bei Lancken Granitz
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