Region 9
Magdeburger Börde,  Lausitz und Spreewald, Leipziger Bucht, Sächsisches Hügelland, Erzgebirge

Die Himmelsscheibe von Nebra
Das Besucherinnenzentrum und der Fundort auf dem Mittelberg
von Daniela Parr


Die Himmelsscheibe

Bei der im thüringischen Nebra gefundenen Himmelsscheibe handelt es sich um eine 32 Zentimeter große runde Bronzeplatte, auf der verschiedene Goldapplikationen aufgebracht worden sind. Ihr Alter wird mit 3.700 bis 4.100 Jahren angegeben. Die Platte wurde mehrfach umgearbeitet und dem aktuellen Stand der Sternenbeobachtung angepasst. Es wird davon ausgegangen, dass sie mindestens 400 Jahre für die Beobachtung der Gestirne im Einsatz war.

Auf der Scheibe abgebildet sind: die Sonne bzw. - je nach Auslegung - auch die Vollmondin und die Sichel der Mondin, sowie 32 goldene Sterne. Sieben dieser Sterne, die eng beieinanderstehen, werden als Sternenhaufen der Plejaden gedeutet. An diesem Sternbild orientierten sich die Bäuerinnen. Wenn die Plejaden im März am westlichen Abendhimmel verschwanden, wurde ausgesät. Wenn sie im Oktober wieder auftauchten, war es Zeit zu ernten.

Die beiden Bögen am Rand der Himmelsscheibe sind zu einem späteren Zeitpunkt hinzugefügt worden. Dabei wurde einer der Sterne versetzt und zwei von ihnen wurden verdeckt. Mythologisch werden diese Horizontbögen gerne als „Sonnenbarken“ interpretiert. Dies verkennt aber völlig die umfassende Bedeutung der Scheibe. Mittels der Bögen kann der genaue Zeitpunkt der Sommer- und Wintersonnenwende ermittelt werden. Unsere Vorfahrinnen legten die Scheibe dazu flach auf den Boden und peilten von einem festgelegten Punkt aus über die Ränder zum Sonnenaufgang hin. Wenn die Sonne genau an der Kante des Bogens aufging, war der Sonnwendpunkt erreicht.

Der komplette Rand der Scheibe wurde später mehrfach durchlocht. Sogar einer der Horizontbögen wurde komplett entfernt. Es wird vermutet, dass die Himmelsscheibe damit säkularisiert werden sollte. Sie gehörte dadurch nicht mehr in einen religiösen Kontext und konnte an dem Ort vergraben werden, an dem sie zuletzt benutzt wurde. Es handelt sich dabei um eine gängige Vorgehensweise für sakrale Gegenstände, die nicht mehr in Gebrauch waren.

Raubgräber haben die Himmelsscheibe von Nebra im Jahr 1999 auf dem Mittelberg ausgegraben und dann versucht, diese an einen Kunsthändler in Basel weiterzuverkaufen. Die Scheibe war kein Einzelfund, sondern wurde zusammen mit zwei Schwertern, einem Meißel, zwei Beilen und Armringen gefunden. Bei der Übergabe 2002 wurde sie glücklicherweise beschlagnahmt, da die Baseler Polizei auf den Verkauf aufmerksam gemacht wurde. In Zusammenarbeit mit dem Landeskriminalamt Sachsen-Anhalt konnten die Raubgräber dingfest gemacht und die Scheibe sichergestellt werden.

Seit 2008 ist das Original der Himmelsscheibe im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle ausgestellt. Dort ist ihr ein kompletter Raum gewidmet, in dem sie in fast vollständiger Dunkelheit (nur in einem Schaukasten ein wenig angestrahlt) bewundert werden kann.


Besucherinnenzentrum Arche Nebra

Nach dem sensationellen Fund der Himmelsscheibe war schnell klar, dass in der Nähe des Fundortes ein Besucherinnenzentrum gebraucht wird. Die Arche Nebra befindet sich im Ortsteil Wangen und ist von allen Richtungen her gut ausgeschildert.

Vom großzügig angelegten Parkplatz aus geht es circa 600 Meter zu Fuß den Berg hinauf. Schon von unten ist der kantige Bau oben auf der Kuppe gut zu erkennen. Beim Näherkommen wirkt das geschwungene Gebäude ein wenig wie eine Startrampe.

Die Straße zum Besucherinnenzentrum wird links und rechts von Kirschbäumen gesäumt. Daher empfiehlt sich ein Besuch besonders im Juni, wenn die Früchte reif sind.

Die Arche Nebra bietet in ihren Ausstellungsräumen vielfältige Informationen rund um die Himmelsscheibe. Gleich an der Kasse wird jede Besucherin darauf hingewiesen, wann im digitalen Planetarium die Multimedia-Präsentation beginnt. Bei starkem Andrang werden Tickets mit bestimmten Zeiten zugeteilt, die nur für die entsprechende Vorstellung gelten. In dem großen Saal mit Liegesitzen werden in einem an die Decke projizierten Film die komplexen astronomischen Zusammenhänge, die auf der Scheibe dargestellt sind, erklärt.


Der Fundort der Himmelsscheibe

Vom Besucherinnenzentrum aus führt ein Fußweg zum circa drei Kilometer entfernten Mittelbergplateau. Dort wurde die Himmelsscheibe gefunden. Am Wochenende und an Feiertagen pendelt in den Sommermonaten im Halbstundentakt ein Linienbus zwischen dem Besucherinnenzentrum und dem Fundort hin und her.

Das sogenannte „Himmelsauge“, eine leicht gekrümmte Scheibe aus poliertem Edelstahl, markiert die exakte Fundstelle der Himmelsscheibe von Nebra. Genau an diesem Platz lag sie 3.600 Jahre lang verborgen. Der Blick in diesen Himmelsspiegel soll gleichzeitig zu einem Blick in den Himmel werden - so wie es damals bei der Sternenbeobachtung mit der Scheibe geschah.

Vom 30 Meter hohen Turm auf dem Mittelbergplateau hat frau eine wundervolle Aussicht. Oben auf der Plattform sind die Sichtachsen zum Brocken im Harz und zum Kulpenberg am Kyffhäuser markiert. Mit der auf dem Boden aufliegenden Himmelsscheibe konnte in Richtung dieser beiden Berge gepeilt und somit der Zeitpunkt der Sommer- und Wintersonnenwende auf den Tag genau bestimmt werden.

Der Aussichtsturm wurde mit einer Neigung von 10° so angelegt, dass er als Zeiger einer überdimensionalen Sonnenuhr fungieren kann. Um den Turm herum überziehen breite Betonbänder mit den Aufschriften "Sonnenaufgang zur Sommersonnenwende" und "Sonnenuntergang zur Wintersonnenwende" den Mittelberg. Anhand des Schattens des Aussichtsturms können bei Sonnenschein die bronzezeitlichen Himmelsbeobachtungen sehr schön nachvollzogen werden.

Daniela Parr