Region 8
Thüringer Becken, Vogtland, Thüringer Wald


Die Erforschung der Besiedlungsgeschichte in Garsitz

Ingolf Heinze
Garsitz 38e
07426 Königsee/Thüringen


Das südlich von Garsitz beginnende und nördlich nach Dörnfeld a.d.H. streichende Zechsteinriff bildet den landschaftlichen Abschluss des sich kesselartig erweiternden oberen Rinnetals.Die im Riffkörper während der Eiszeit(Pleistozän), wahrscheinlich ab der Eem-Warmzeit vor 126.000 Jahren einsetzenden Verkarstungsprozesse lassen die Höhlen auf dem „Gebörne“entstehen. Diese werden später als Rast- und Siedlungsplatz von Jägern und Sammlern erstmals vor ca.16.000 Jahren genutzt, denen noch weitere Siedlungsperioden folgen werden.

Durch die windgeschützte Lage vor dem rauen Klima des sich südwestlich erhebenden Mittelgebirges, der reichlich vorhandenen Fließgewässer und Quellen, war es ein interessanter Ort um sich hier niederzulassen, obwohl der Eingangsbereich aller untersuchten Höhlen in östliche Richtung zeigt und nur die Morgensonne erhielt. Aufgrund seiner geographischen Lage am nördlichen beginnenden Mittelgebirgsbereich von Thüringen, ist ab den Höhlenstandorten oberhalb von Garsitz eine kurze Überquerung des Mittelgebirges, nach Südthüringen, weiter nach Franken, Bayern und dem Alpenbereich Richtung Mittelmeer, von nomadisierenden Sippenverbänden gegeben. Neben dieser strategisch guten Lage finden auch andere Faktoren, wie Schutz vor schlechten Wetterlagen, Zufluchtsort bei eventuellen Auseinandersetzungen, gute Jagdmöglichkeiten und ein Ort für kultische Rituale, in der Forschung Berücksichtigung.

Bild 1: Blick auf Garsitz mit Gebörne (große Teile sind noch nicht bewaldet) um 1920
Bild:Eigentum Ingolf Heinze


Bedeutsame Höhlen für die Besiedlungsgeschichteim Zechsteinriff Gebörne/ Mönchsstuhl:
Mönchskapelle oder Mönchskirche:

Die in der Flur 4 der Gemarkung Königsee liegende Höhle befindet sich ca. 300 m nordwestlich vom „Großen Querlichsloch“. Sie liegt mittig des dort steil aufragenden Riffkörpers und ist von der Hochfläche nur über einen schmalen, steilen, mit in Fels gehauenen Stufen versehenen Pfad zu erreichen. Unmittelbar nach dem Abstieg setzt sich der Riffkörper etwas zurück und bildet eine plateauähnliche Fläche, auf deren Ebene der „Mönchsstuhl“ unmittelbar am Fuß der Riffkante, nur wenige Meter südlich von der „Mönchskirche“ liegt. Der eigentliche “Mönchsstuhl“, welcher eine stuhlartige durch Menschenhand erweitere natürliche Höhlung darstellt, bietet nicht nur Schutz vor Regen, sondern gewährt einen weiten Blick in das Rinnetal. Bis 1825 soll die Lehne des Mönchsstuhles mit dem Relief-Brustbild eines Mönches verziert gewesen sein. Diesgeht aus Schüleraufsätzen des Gymnasiums von Rudolstadt unter Prof. L. F. Hesse, welche im Thüringer Staatsarchiv Rudolstadt aufbewahrt werden, hervor. Ältere Erwähnungen zu den Höhlen auf dem Gebörne, Mönchs-Kapelle und Mönchsstuhl stehen im Rudolstädter Wochenblatt, vom 11. September 1787. Die „Mönchskirche“, die ältere Bezeichnung lautet „Mönchskapelle“, ist eine natürlich entstandene Klufthöhle im Riffkalk des Zechsteins und erreicht heute eine Tiefe von ca. 12 Meter. Der Sage nach soll hier ein Mönch aus dem Kloster Paulinzella (könnte auch Kloster Königsee sein) als Einsiedler gelebt haben. Jedenfalls hat sich über mehrere Jahrhunderte der Begriff „Mönchsstuhl“ als Bergbezeichnung für ein Teil des Zechsteinriffes, manchmal auch über die gesamte Länge des Riffkörpers, auch in den Topographischen Karten erhalten. Wann die im Eingangsbereich der Klufthöhle in Fels eingehauenen Stufen oder die exakt herausgearbeiteten Auflagen für Balken, um ein Podest über der Klufthöhle zu errichten, entstanden sind, lässt sich derzeit nicht genau sagen. Was jedoch aus den Unterlagen des Thüringer Staatsarchivs Rudolstadt,Bergamt Könitz über den Bergbau, die Grubenanlage „Reiche Hoffnung“ am Fuße des „Mönchsstuhlberges“ hervorgeht, bestätigt die Nutzung der Höhle im 19. Jahrhundert als Aufbewahrungsort für die im Bergbau benötigten Sprengmittel. Sie musste dafür jedoch entsprechend ausgebaut werden und es gab eine Vorgabe zur höchstmöglichen Menge der zu lagernden Sprengmittel.

Bild 2: Gesicherter Eingang der Mönchskirche1955
Die Zimmermannsarbeiten führte Karl Frank aus Pennewitz/Sorge aus.
Bild Eigentum Ingolf Heinze


       

Bild 3: Ungesicherter Eingang der Mönchskirche 1971                           Bild 4: Heutiger gesicherter Eingangsbereich
Bild Eigentum Ingolf Heinze                                                                   der Mönchskirche
                                                                                                             Bild Ingolf Heinze 1996

Grabungen und Funde:

1878 wurden Grabungen durchgeführt, die bis in eine Tiefe von 4 Metern führtund den vorhandenen kleinen, mit Sintergebilden und Tropfsteinen versehenenHohlraum freilegt. Die Grabungen begannen bei 2 Meter unter Eingangsniveau und im Aushubmaterial fanden sich Scherben von irdenen Gefäßen und Knochen. Dies berichtet F. Apfelstädt 1887 in seinem Buch über Bau- und Kunstdenkmäler des Fürstenthums Schwarzburg-Sondershausen, wobei über Auswertung und Verbleib der Funde nichts bekannt wurde.

1927 beschreibt der Lehrer Heise im “ Schwarzburgbote“ vom0 2.12.1927 und 09.12.1927 in den Artikeln über die „Mönchskirche“ und Grube „Reiche Hoffnung“ bei Garsitz die Befahrung der Höhle bis zu den bereits genannten Hohlraum. Er verweist auf einen sich nach Norden ziehenden Gang, welcher noch mehr in die Tief geht und sich mit dem Stollen aus der Grube „Reiche Hoffnung“kreuzt, was nach heutigem Kenntnisstand tatsächlich möglich sein könnte. Er verweist auch auf eine mehr als 20 Jahre zurückliegende Befahrung der Höhledurch den Bürgermeister W. Hertwig aus Garsitz und dem früheren EigentümerFreytag, bei welcher im Geröll Kohle (Holzkohle), Knochen und ein altertümlicher Rost gefunden wurden. In seinen Mitteilungenerläutert er auch die wahre Herkunft des „Reitergrabes“ unterhalb des Mönchsstuhles: Freytag beabsichtigte, ein Wohnhaus andieser Stelle zu errichten. Als dies vom Fürstlichen Bauamt Gehren jedoch nicht genehmigt wurde, legte er an diesem Orteine Grabstelle an und bepflanzte sie mitVergißmeinicht. Bis zu Beginn der 1970er Jahre war die Umfriedung mit Steinen noch deutlich sichtbar.

Anfang 1960 zeigten Sondierungsgrabungen durch die Fachgruppe der Höhlenforscher sehr gestörte Lagerungsverhältnisse. Um dieKraft nicht an zweiObjekten zu schwächen, entschied man sich für die wissenschaftlicheAusgrabunginder größten Höhle, dem „Großen Querlichsloch“.

Die weiter für zukünftige GrabungenvorgeseheneKlufthöhle wurdemittels Verbau des Eingangsbereiches verschlossen undverschließbar gestaltet. DieZimmermannsarbeiten, einschließlich Materialbereitstellung wurden vonHerrnKarl Frank aus Pennewitz/ Sorge ausgeführt, welcher bereits ab Anfang1955 an den Grabungen auf dem Gebörne unter Anleitung des Ilmenauer Bodendenkmalpfleger Henry Fischer beteiligt war.

1993 bis 1995 führten die FachgruppenmitgliederDieter Reise, Toralf Koch, Reiner Großmann und Ingolf Heinze sporadische Grabungseinsätze durch. Das Ziel war herauszufinden ob, von der Höhle „Mönchskirche“ eine Verbindung zu den Bergwerksanlagen der Grube „Reiche Hoffnung“tatsächlich besteht. Dem bereits beschriebenen, nördlich folgenden Felsspalt in die Tiefe,wurde nachgegraben und ungestörte Bodensedimente angetroffen.

Der Aushub brachte über 20 größere Knochen und Knochenteile zu tage, welche bereits dunkel bis schwarzmineralisiert waren und älteren Datums sein konnten. Die Knochen wurden zwecks Auswertung nach Weimar in das Museum gegeben und die Grabungen vorerst eingestellt. Die Bestimmung der Tierknochen wurde von Herrn Dr. D. von Knorre, Phyletisches Museum Jena und die der menschlichen Knochen von S. Birkenbeil vorgenommen. Im Ergebnis waren vier Knochen unzweifelhaft dem Menschen und die anderen Knochen Rind und Bär zuzuordnen. Die Knochen beider Tiere waren sehr kräftig entwickelt. Der Knochen des Rindes war größer als der des Wisents und wies Schlagspuren auf, wahrscheinlich um das Knochenmark zu entnehmen. Die Bärenknochen waren, obwohl sie alle von einem Jungtier stammten, größer als bei einem ausgewachsenen Höhlenbären. Leider ist aufgrund von fehlenden Artefakten (Archäologischer Begriff für durch menschliche Einwirkung erzeugten oder veränderten Gegenstand) keine genaue Altersdatierung möglich. Ob es sich hier um eine eventuelle Opferhöhle oder einfach nur um eine „Entsorgung“ handelt, können nur zukünftige Grabungen klären.

1996 erfolgte die Sicherung der Höhle mit einer verzinkten Stahlgitterkonstruktion. Diese wurde durch den Bauhof der Stadt Königsee, unter maßgeblicher Beteiligung des damaligen Bürgermeisters Karl Heinz Hoppe, in Abstimmung mit der Fachgruppe realisiert.

Mit Gestaltung des Wanderweges zur“ Mönchskirche“ wurde bei Begradigungsarbeiten unmittelbar vor der Klufthöhle, eine Kupfermünze 1 Heller von 1724, Durchmesser 1,4 cm mit den gekreuzten Initialen G und W auf der Rückseite gefunden. Der steile Abgang zur „Mönchskirche“ wurde ausgebessert und als Sicherung für den Abgang Stahlpfeiler in den Fels gebohrt sowieStahlketten zum Festhalten angebracht.


Die Abri-Höhlen am Eckfelsen auch Echofelsen genannt:
Die ca.250 Meter südlich des „Großen Querlichsloch“ liegenden spaltenartigen Höhlen unterhalb des„Eckfelsens“ (auch Echo-Felsen genannt, wegen des in Richtung „Herschdorfer Tal“ zu hörenden Mehrfach-Echos oder in der Literatur beschriebenals“Höhlenbären-Eckfelsen“), brachten in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder Höhlenbärenknochen zutage. Spaltenförmige Höhlungen, oft auch als Fuchs- oder Dachsbaue genutzt führen in die Tiefe des Riffs und verlaufen auch parallel zum Tal. Auf einer plateauartigen Flächeunterhalb des “Eckfelsens“ sind tiefer in den Berg gehende Spalten zuerkennen, deren Füllung immer wieder Knochenmaterial lieferte. Die inzwischen mit Moos bewachsenen,tropfsteinartigen Sintergebilde, im freien Außenbereich der Felsen, sind sehr wahrscheinlichin einer Höhleentstanden, welche allerdings heute nicht mehr vorhanden ist. Die zu Tal gegangenen Felsen zwischen Fahrweg nach Herschdorf und „Eckfelsen“ lassen auch auf eine Absprengung vom Riffkörper zur Bausteingewinnung schließen. An einigen Stellen sind noch handgeschlagene Bohrlöcher für Sprengmittel sichtbar.

Der Bausteinabbau könnte in Zusammenhang,mit dem Beginn des Zechsteinkalkabbaus in den nur ca. 100 Meter südlich liegenden Steinbruchs, stehen. Dabei könnten auch Höhlen verschwunden sein. Dafür sprechen auch die im Fundmaterial enthaltenen Höhlenmineralien. Es wurden weit über 2000 Knochen, Knochenteile und Zähne vom Höhlenbärgefunden. Diese stammten von ganz jungen bis sehr alten Tieren und sind zum Teil sehr durch eisenhaltiges-und manganhaltiges Wasser mineralisiert, was zu der typischen fast schwarzer Färbung der Knochen führte. Viele Knochen waren eingesintert und fest mit dem Riffkalk oder den Bodensedimenten verbunden. Von anderenTierarten wurden nur wenige Knochengefunden. Erste Sondierungen fanden durch den Bodendenkmalpfleger Henry Fischer aus Ilmenau und weitere Helfer im Jahr 1953 und 1955, im Auftrag von Prof. Dr. Günter Behm-Blancke , den damaligen Leiter des Museums für Ur- und Frühgeschichte Thüringen in Weimar, statt (10).

Untersuchung des Knochenmaterials im Museum für Ur- und Frühgeschichte in Weimar und durch Prof. Dr.Ralf-Dietrich Kahlke vom Senckenberger Forschungsinstitut für Quartärpaläontologie in Weimar ergaben, dass viele Knochenwegen Mark-Entnahme,zerschlagen wurden und teilweise Brandspuren aufwiesen. Das wurde bereits bei vorangegangenen Grabungen, besonders bei denen der 1960er Jahre und bei sporadischem Aufsammeln von Knochen, belegt.

Sehr wahrscheinlich ist, dass der Höhlenbär hier über viele tausend Jahre nicht nur gejagt,sondern auch im Winterschlaf überrascht und an Ort und Stelle verspeist wurde. Bisher fand man nur ein kleines Feuersteingerät. Da der Höhlenbär bereits vorca. 12.000 Jahren ausstarb und hier dutzende Exemplare in allen Lebensalter verspeist wurden, können nur zukünftige Forschungen die wahren Geschehnisse klären.

Bild 5: Zähne und Knochen vom Höhlenbär, Eckfelsen
Aufnahme: Ingolf Heinze2007


Das Wildpferd-Abri neben dem Großen Querlichsloch:
Keine 50 Meter südlich vom Eingang des „Großen Querlichsloch“ befindet sich die höhlenartige Erweiterung des  Wildpferd-Abris. Als Abri wird eine Halbhöhle bezeichnet, welche aus einem Felsdach oder einem  Felsvorsprung gebildet wird, in dem oft steinzeitliche Siedlungsreste erhalten blieben. Das im Riffkalk liegende Abri war  ursprünglich größer als heute, da sich seine Ausdehnungweiter talabwärts erstreckte, wasausgegrabene Deckensteinebelegen. Im hinteren südlichen Teil ist der Fels durchbrochen und als zweiter Zugang ausgebildet. Grabungen begannen entlang eines Fuchsbaues 1952, unter der Leitung von Henry Fischer mit Hermann Nordhaus aus Garsitz und Kurt Hartmann aus Ilmenau. Prof. Dr. GünterBehm-Blancke gab die Empfehlung zur Anlage eines ca. 20 Meter langen Schnittgrabens vor der noch nicht ersichtlichen Höhle. Im selben Jahr wurden eine Reihe von Tierknochen ausgegraben und durch Martin Richter,den Entdecker der „Kniegrotte von Döbritz“, deren Funde ähnlich denen von Garsitz der Jüngeren Altsteinzeit vor ca. 16.000 Jahre zuzuordnen waren, bestimmt. So wurden zwei Hornzapfen der Saiga-Antilope, mehrere Knochen von verschiedenen Wildpferdarten, Wisent, Ur, Höhlen- und Braunbär, Wildschwein, Dachs und Fuchszugeordnet. Im Jahr 1955 und von 1963 bis 1965wurde das Wildpferd- Abri vollständig ausgegraben und lieferte noch mehrere atypische Keramikscherben, weitere ca.150 tierische Knochenteile und mehr als150 Zähne vom Wildpferd.Ein Großteil dieser Röhrenknochen war wohl wegen der Mark-Entnahmeaufgeschlagen (1,2,10).

Bild 6: Blick zum Wildpferd-Abri
Aufnahme: Ingolf Heinze2000


Die Dachshöhle:
Die zwischen „Großen Querlichsloch“ und Wildpferd-Abri liegende Höhle wurde ab Sommer 1963 geöffnet und bis 1966 vollständig ausgegraben. Die Höhle war vor derAusgrabung, wie auch das Wildpferd-Abri, nicht sichtbar, nur ein Dachsbau, zeigte den Weg in das Innere der Höhle. Im hinteren Teil der Höhle sind tropfsteinähnliche Sintergebilde erhalten. Die Dachshöhle erbrachte neben mehreren vorgeschichtlichen auch einige mittelalterliche Scherben, viele Wildpferd Knochen (Teile) und Zähne mit Holzkohleresten. Alle genannten Höhlen sind in den ausgeschilderten Rundwanderweg „Über das Gebörne “Infoweg„ Natürlich Königsee“ eingebunden.


Bild 7: Blick zur Dachshöhle – oberhalb Höhlenforscher-Baude
Aufnahme:Ingolf Heinze2000


5. Das „Große Querlichsloch“ oder ab Mitte der 1950er Jahre auch der „Bärenkeller“ genannt:
Das „Große Querlichsloch“ oder aufgrund der zu hunderten gefundenen Bärenknochen, auch „Bärenkeller“ genannt, ist räumlich die größte derzeit bekannte Zechsteinhöhle auf dem„Gebörne“. Den Namen erhielt die Höhle nach den in Sagen vorkommenden „Querlichen“. Der Wortstamm kommt aus dem Deutschen oder Germanischen, die Berg- oder Erdelben als Zwerge bezeichneten. Aus dem Althochdeutschen „twerc“ wurde mundartlich querg, querx oder querlich. Die in Deutschland sonst nicht übliche Deminutivform für „Querliche“ entspricht einem „Zwerglein“. So wurden in den vergangenen Jahrhunderten als Sammelbegriff alle Höhlen auf dem Gebörne als „Querlichslöcher“ (Zwergenlöcher) bezeichnet und nur die größte Höhle differenziert „Großes Querlichsloch“ genannt.

Daten zur Höhle:
Der Eingang der Höhle zeigt nach Osten. Die sich anschließenden Hohlräume verlaufen in einem Winkel von 90 ° zum Eingang, Richtung Nord nach Süd, fast parallel zur Außenkante des Riffkörpers. Die begehbare Länge ist ca. 50 Meter, wobei die in den Berg gehende Längsrichtung ca. 30 Meter beträgt. Die größte Breite hat sie im Eingangsbereich mit 8 Metern und im freigelegten Kesselbereicheine Höhe von über 4Metern. Der Höhenunterschied vom Eingang bis zur tiefsten Stelle liegt bei ca. 16 Metern. Der hintere Teil der Höhle hat eine jährliche Durchschnittstemperatur von ca. 6°C, der Eingangsbereich passt sich annähernd an die Außentemperaturen an. Die durchschnittliche Luftfeuchtigkeit ist über 80 %. Die Höhle ist sehr feucht, mit fast jährlich durchtropfenden Stellen und trocknet höchstens im Eingangsbereich bei lang anhaltender Trockenzeit aus. Im Winterbilden sich im Eingangsbereich mituntergroße Eis-Stalagmiten. Die Höhle dient im frost- freiem Teil als Überwinterungsquartier von Fledermäusen, vor allem von der „Kleinen Hufeisennase“, welche unter strengsten Naturschutz steht.

Bild 8: Blick zum Eingangsbereich des „Großen Querlichsloch“ oder „Bärenkeller“. Das Eingangstor stammt noch aus der „Bierkellerzeit“ der Höhle um 1824
Aufnahme: Ingolf Heinze 2000


Historische - Erwähnungen und Erforschungender Höhle:
1760, exakt am 07. Februar berichtete der Königseer Bürgerund Theologiestudent Friedrich Nicol Gottlieb Einsiedel, späterer Pfarrer in Schwarzburg, in einem Brief an den Fürsten Johann Friedrich von Schwarzburg-Rudolstadt, dass er im vergangenen Jahr, eine halbe Stunde von Königsee entfernt in der Gegend, welche man das Lommel nennt, eine wunderbare unterirdische Höhle gefunden hat, in selbiger Wasser zu Stein wird und mit recht unter die „curiosa schwarzburgica“ zu zählen ist. Er beschreibt die Höhle (gemeint ist das Querlichsloch) auf der Spitze des Berges, darüber ein Plateau mit herrlicher Fernsicht und den Zugang zur Höhle, sowie deren räumliche Ausdehnung. Als Beweis legt er dem Fürsten einige von den zu Stein gewordenen Zäpfchen (Tropfsteine), derer es Millionen gibt, seinem Schreiben bei. Einsiedel verweistauf das mineralisierteTropfwasser in der Höhle und seine eventuelle Verwendung für Heilzwecke. Nur 6 Tage später bittet der Fürst den Studenten Einsiedel um die Übergabe einer Wasserprobe. Er beauftragt am 13.Februar 1760 seine zwei Hofärzte Georg Christian Füchsel und Johann Jacob Perthes mit der Untersuchung des Höhlenwassers. Perthes, dessen Bruder Georg Justus Perthes der Begründer des nach ihm benannten Verlages in Gotha wurde und Georg Christian Füchsel kamen beide zu den Ergebnissen, dass eine Verwendung des Höhlenwassers für Heilzweckenicht geeignet ist. Bemerkenswert ist, dass Georg Christian Füchsel (geb. 1722 in Ilmenau – gest. 1773 in Rudolstadt) den Fürst in kurzer Zeit sehr fundamentierte geologische Ausführung zum Aufbau der Kalksteine, der Entstehung der Höhle und den Verlauf des Kalkgebirges (Zechsteinriffe) von Ilmenau bis Rudolstadt vorlegt.

Auch das „Hervorbringen“ (Entstehung) der Erdfälle um Königsee, durch „in die Tiefe streichendes Wasser“, zeugt von seiner genauen Beobachtungsgabe. Er verweist darauf, dass um Königsee noch weitere Höhlen im Kalkgebirge auf dem Territorium von Garsitz und Dörnfeld liegen. Die untersuchte Höhle bezeichnet er aber als “doch eine Seltenheit hiesigen Umkreises“. Die von Füchsel als Arzt, Naturforscher und Geologe gewonnen Erkenntnisse u.a. über den Schichtenaufbau der Gesteine, wurde 1762 in der ersten geologischen Karte Thüringens (und eines deutschen Gebietes), unter dem Namen „Geschichte der Erde und des Meeres, durch Beschreibung der Gebirge aus der Geschichte Thüringens gefolgert“ (Acta Acad. elect.Mogunt. Erfurt 1762. Vol. II.) in Latein veröffentlicht. Es war das Ergebnis seiner genauen Beobachtungenin der geologischen Feldarbeit, die er durch das Aufsuchen der Höhlen und Bergwerke unserer Gegend „mit dem Blick in die Tiefe“ vervollständigte. Das von ihm in einer geologischen Karte dargestellte Gebiet umfasst den Bereich von Ilmenau-Königsee-Saalfeld-Rudolstadt und Weimar. Den Schichtenaufbau der Gebirge stellte Füchsel als erster Geologe überhaupt, als zeitliche Einheit in einer vierdimensionalen geologischen Karte dar, die der Dimensionen des Raumes und die vierte Dimension der Zeit. Er löste sich mit seinen Ansichten von der biblischen Schöpfungsgeschichte (Genesis) und verlängert das Alter der Erde in bis dahin unvorstellbare Zeiträume und wurde Gründer des geologischen Zeitbegriffs, die Grundlage der stratographischen Geognosie (veralteter Begriff für Erdkunde-die Lehre von der Struktur und dem Aufbau der festen Erdkruste). Er teilte die Gesteine Thüringens in 14 Hauptschichten ein führte den eigenständigen Namen für die „Schichten“ des Muschelkalks ein und erkannte die Hebung und Senkung der Gesteinsschichten. G. C. Füchsel, als einer der großen Geologen Thüringens, war seiner Zeit weit voraus und betrachtete die Erdgeschichte als Teil der Geschichte des Universums und legte dies in seinerletzten Veröffentlichungen 1773 in der Akademie Erfurt unter den Namen „Entwurf zur ältesten Erd- und Menschengeschichte, nebst Versuch den Ursprung der Sprache zu finden“ dar (8, 9). In Würdigung seiner Verdienste erklärte die Deutsche Geologische Gesellschaft, mit Sitz in Hannover, das Jahr 2011 zum Füchseljahr.

Bild 9: Handcolorierte Zeichnung „Großes Querlichsloch“ mit Blick zum Höhleneingang, gezeichnet 1760 von F. N. G. Einsiedel, Thüringer Staatsarchiv Rudolstadt, Geheimes Ratskollegium Rudolstadt, C V 1e Nr.16


Bild 10: „Großes Querlichsloch“ Winter2010 mit Eis-Stalagmiten, Blick vom Höhlenraum Richtung Eingang,
Aufnahme: Ingolf Heinze

1787 wird im Wochenblatt von Rudolstadt (Thüringer Staatsarchiv Rudolstadt) mit Datum 11. September 1787 in „Beyträge zur Schwarzburgischen Geschichte ec.“ von den Querr- (oder Zwerg-) Löchern daselbst berichtet.

1824 gibt es eine Mitteilung, dass im Vorjahr ein Mann aus Blankenburg in den Höhlen (Querl-Löcher) vergeblich nach Schätzen gegraben habe.

1824 benutzte die Brauerei Garsitz das „GroßeQuerlichsloch“ bereits als Bierkeller (TSA RudolstadtLARud. XIV. Nr. 51.Bd.b.). Aus dieser Zeit stammt der neu gestaltete Eingangsbereich, welcher in seinem südlichen Bereich versetzt, angefüllt und mit einem verschließbaren Stahlgittertor (die Stahlteile wurden untereinander vernietet) versehen wurde. Das heute inzwischen wiederholt instant gesetzte Tor existiert noch in seiner ursprünglichen Form. In Vorbereitung auf eine Nutzung als Bierkeller wurde ein Teil der reichlich vorhandenTropfsteine vom Firsten (Höhlendecke) und dennoch 1760 von Einsiedel bildlich mittig des Höhlenraumes dargestellten pyramidenartigen Stalagmit beseitigt.

Aus den 1820er und 1830er Jahren existieren im TSA Rudolstadt noch eine Reihe von Aufsätzen aus dem Rudolstädter Gymnasium, die inhaltlich auf die „Querlichslöcher“und deren Sagenwelt Bezug nehmen. Aus einem geht 1825 hervor, dass bis zu diesem Zeitpunkt, die Lehne des Mönchsstuhls mit dem Reliefbrustbild eines Mönches verziert war.

1841 erwähnt Ludwig Storch in seinem “ Wanderbuch durch den Thüringer Wald“ die Höhlen und teilt mit, dass die größte Höhle (Großes Querlichsloch) verdeckt auf einer mit Gesträuch bewachsenen Anhöhe liegt und als Bierkeller genutzt werde.

1894 errichtet Landrat Werner aus Königsee eine kleine Berghütte aus Holz-Fachwerk, mit Ziegelsteinen ausgemauert und Zinkblechdach auf dem Höhlenvorplatz. Das Grundstück hatte er von den Erben der Obstfelderschen Familie erworben. Sein Gehrener Amtskollegegenehmigte den Bau (11).

1926 und 1927 fanden erste wissenschaftliche Grabungen im Rahmen der Höhlenforscher- Wochen durch den Thüringer Höhlenverein unter Leitung eines Hauptvorstandes Landesgeologen Bergrat Prof. Dr. Heß von Wichdorff statt. Die Untersuchungen sollten klären, ob diese für den Ausbau als Schauhöhle, aufgrund des reichen Tropfsteinschmucks, geeignet ist. Der Höhlenverein verfolgte das Ziel eines urlauberfreundlichen Ausbaus, um den Fremdenverkehr in Thüringen zu fördern, Arbeitsplätze zu schaffen und Einnahmen im Territorium zu erzielen. Grabungen erfolgten im Zeitraum 30. Mai bis 06. Juni 1926 und29. Mai bis 04. Juni 1927 in der als „Quernloch“ bezeichneten Höhle. Während den Grabungszeiten wohnte der Bergrat Heß von Wichdorff in der vom Landrat Werner 1894 errichteten kleinen Berghütte vor dem „Großen Querlichsloch“. Der Garsitzer Hermann Nordhaus half bei den Grabungen 1926/27 und berichtete dem Bodendenkmalpfleger Henry Fischer aus Ilmenau in den 1950er Jahren, dass die bei weiteren Grabungen gemachten Knochenfunde keine weitere Beachtung fanden und zurückgelassen wurden. Später stellte sich heraus, dass es sich dabei um steinzeitliche Tierknochen handelte. So erklärte sich auch die Vermischung von bronzezeitlichen und bandkeramischen Artefakten.

Bild 11: Teilansicht der vom Landrat Werner 1894 errichteten kleinen Berghütte vor dem „Großen Querlichsloch“ davor links Rolf Heinze und rechts Bruder Helmut Heinze, Aufnahme 1929
Bild: Eigentum Ingolf Heinze

Königsee hatte eine eigene Ortsgruppe innerhalb des Thüringer Höhlenvereins, deren Vorsitzender Fabrikbesitzer Heinrich Glaser aus Königsee war. Er und seine Frau waren Besitzer der Höhle einschließlich des Berghäuschens zu dieser Zeit. Heinrich Glaser verstarb 1929. Sein Freund, zeitweise auch sein gemeinsamer Geschäftspartner der Porzellanfabrik in Königsee und Vorstandmitglied der Königseer Ortsgruppe war Herr Kommerzienrat Adelbert Beck, welcher bereits am 05. Juli 1928 im 71. Lebensjahr verstarb. Adelbert Beckinteressierte sich sehr für Geologie, Bergbau und war bis zu seinem Tod der Besitzer des Bergwerkes „Reiche Hoffnung“in Garsitz (12).

1927 nahm dieZeitung „Anzeigerfür Mittel=Thüringen“ mit Datum 09.Juni 1927 im Artikel „Mit den Höhlenforschern quer durch Thüringen“ Bezug auf die 7. Tagung des Thüringer Höhlenvereins am 29.Mai 1927 in Jena unter Leitung des Vorsitzenden Prof. Dr. Heß von Wichdorff und berichtet von weiteren Höhlenforschungen im Gebiet von Königsee und benennt die auf steilen Zechsteinfelsen liegende „Quernlochhöhle“ bei Garsitz.

1949 besuchte Henry Fischer mit weiteren Natur- und Heimatfreunden aus Ilmenau die Höhle und entnahm aus den Schuttmassen der 1926/27 Grabung Holzkohle Teile, Topfscherben und viele Knochen, welche dem Heimatmuseum Ilmenau übergeben wurden.

1951 erhielt Henry Fischer vom Museum für Ur- und Frühgeschichte Thüringen in Weimar die Genehmigung,nach vorgeschichtlichen Relikten zu forschen. Der Leiter des Museums, Herr Prof. Dr. Günter Behm-Blancke besuchte in diesen Jahren öfters die Grabungen und gab wertvolle Hinweise.

1951 bis 1960 erfolgten Grabungseinsätze unter Anleitung und Organisation von Bodendenkmalpfleger Henry Fischer aus Ilmenau und seinem Freund Kurt Hartmann. Die Grabungseinsätze wurden durch viele Freiwillige unterstützt, welche aus den umliegenden Orten kamen. Viele Garsitzer, wie Hermann Nordhaus und 1952 die Schüler, Hasso Unbehaun, Harald Bock, Klaus Hilger, Hansi Mai, Johannes Müller, Karl-Heinz Schmidt, Rainer Haase, Ilona Bock, 1960 Kurt Nordhaus mit Sohn Harald Nordhaus, beteiligen sich an den Grabungen. Helfer aus anderen Orten waren: der Pennewitz Karl Frank seit 1955 (er blieb Mitglied der 1962 gegründeten Fachgruppe bis zu seinem Tod), ab 1954 der Bodendenkmalpfleger Walter Schmidt aus Unterköditz und ab 1960 Joachim Richter mit Leni Röser aus Königsee, welche Gründungsmitglied der Fachgruppe wurde. Auch der bekannte Thüringer Geologe Robert Huth von der damaligen Geologischen Kommission in Berlin besuchte wiederholt die Grabungen. Als Dozent übernahm er den geologischen Teil der 1968 in Königsee stattgefundenen Internationalen Höhlenforscher-Tagung. Aufgrund der in großer Zahl gefundenen Knochen und Zähnen vom Höhlenbär bekam das „Große Querlichsloch“ab 1952 den Zweitnamen „Bärenkeller“. Die gefundenen Tierknochen konnten Wildpferd, Wildesel, Wisent, Ur, Höhlen- und Braunbär, zwei Hornzapfen von der Saiga-Antilope, Wildschwein und Kleinsäugern zugeordnet werden. An Artefakten kamen Feuersteingeräte (Schaber, Pfeilspitzen, Messerchen), Knochenpfrieme, Teil eines Steinbeils aus Diabas, bronzezeitliche-, neolithische-und mittelalterliche Topfscherben, Bruchstücke einer bandkeramischen Flachhacke und1954 ein bronzezeitlicher Armreif zu Tage.

Bild 13: Bronzezeitlicher Armreif von 1954 aus dem Schnittgraben vor dem Höhleneingang „Großes Querlichsloch“
Aufnahme: A. Zißka

Bild 14:unvollständiger Unterkiefer vom Höhlenbär1954, unterer Höhlenbereich „GroßesQuerlichsloch“
Aufnahme: Eigentum Ingolf Heinze

1961 gab es einen neuen Grabungsauftrag durch das Museum in Weimar. Zur Bewältigung der bevorstehenden umfangreichsten wissenschaftlichen Grabungen im „Großen Querlichsloch“ mit vollständiger Ausgrabung der Dachshöhle und des Wildpferd-Abris, gründete sich im Jahr 1962 die Fachgruppe Höhlen- und Karstforschung , Ur- und Frühgeschichte Königsee im Deutschen Kulturbund, deren Fachgruppenvorsitzender Heinz Oswald aus Königsee wurde und deren Vorsitz er bis 1990 ausübte. Ab 1990 bis zum heutigen Zeitpunkt ist Ingolf Heinze aus Garsitz der Fachgruppenvorsitzende, wobei die Fachgruppenach der Wende 1990 in dem sich neugegründeten Kulturbund e. V., verblieb. Die wissenschaftliche Anleitung der Grabungen erfolgte durch Herrn Dr. Rudolf Feustel vom Thüringer Museum für Ur- und Frühgeschichte in Weimar. Die Ergebnisse der Grabungen sind in den Jahresschriften des Museums, besonders ausführlich im Band XI Alt Thüringen veröffentlicht.

Bild 17: Grabungspause vor der Höhle1963, v.l.n.r. Leni Röser, Dr. Rudolf Feustel, Dr. Heinz Deubler, Gudrun Oswald
Aufnahme: Nachlass Leni Röser

Bild 18: Karl Frank und Harry Hornschuh begutachten einen Höhlenbären Knochen
Aufnahme: Gerhard Hertwig1965



Bild 19: Blick in das Innere des „Großen Querlichsloch“, Besprechung zu den gefundenen Schieferplatten, li. Heinz Oswald und re. Dr. Heinz Deubler 1966
Aufnahme: Gerhard Hertwig

Der Kreisbodendenkmalpfleger Herr Dr. Heinz Deubler von den Staatlichen Museen Heidecksburg in Rudolstadt, war ein ständiger Begleiter der Grabungen und stand nicht nur mit seinem fachlichen Wissen zur Verfügung, sondern pflegte auch die vielen geselligen Veranstaltungen der Höhlenforscher in den Sommer- und Winterhöhlenfesten. Bis zu seinem Lebensende 2004, war er der Fachgruppe eng verbunden.

Die Veröffentlichungen von Dr. Heinz Deubler, ob es sich um seine Dissertation 1966 oder die vielen Beiträgen in den Rudolstädter Heimatheften handelt, dokumentieren die gewonnen wissenschaftlichen Ergebnisse aus der Grabungstätigkeit in den Höhlen auf dem Gebörne. Vervollständigt wurden diese durch eine Reihe von Artikeln und Beiträgen von Fachgruppenmitgliedern, wie Harry Hornschuh, Heinz Oswald, Gerhard Hertwig und Ingolf Heinze. Bis Ende der 1970er Jahre erfolgten die planmäßigen Ausgrabungen in dem „Großen Querlichsloch“ auf dem Gebörne. Im Rahmen von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM) nach der Wende konnte durch maßgebliche Unterstützung des damaligen Bürgermeisters Karl-Heinz Hoppe einsichererbegehbarer Ausbau der Höhle, auch für Besucher realisiert werden. Bei den dazu notwendigen Erdarbeiten wurden in der Höhle und davor noch einige Funde, wie eine gut polierte neolithische Flachhacke aus Amphibolit, Gefäßscherben und Feuersteingeräte geborgen werden, welche zum Teil noch heute im Naturhistorischen Schauraum Garsitz ausgestellt sind. In diese Zeit bis Ende der 1990er Jahre fällt auch die Anlage des Rundwanderweges um das „Gebörne“ mit Einbindung der Höhlen und Darstellung ihrer kulturgeschichtlichen Bedeutung. Die Fachgruppe beteiligte sich hier praktisch in ihrem „Höhlenbereich“ an der Ausführung und Gestaltung in dem sie einen Großteil der inhaltlichen Gestaltung der 15 Schautafeln übernahm (13, 14).

Die aus den Funden der Ausgrabungen gewonnenen Erkenntnisse können wie folgt zusammengefasst werden:
Das „Große Querlichsloch“ mit seinen angrenzenden Höhlen und prähistorischen Fundstellen auf dem „Gebörne“ stellt einen für Thüringen bedeutenden vorgeschichtlichen Rastplatz dar.

Mit großer Sicherheit nutzten die Jäger und Sammler der jüngeren Altsteinzeit (Jungpaläolithikum) ebenso wie die Ackerbauer und Viehzüchter der jüngeren Steinzeit (Neolithikum), der Bandkeramiker und späteren Bronzezeit die Höhle(n) als zeitweiligen Aufenthaltsort, Zufluchtsstätte und jagdlichen Rastplatz. Der Höhlenstandort war ein günstigster Ausgangsort- Rastplatz, um in kürzester Entfernung den Thüringer Wald in Nord- Südrichtung zu überqueren. Die tieferen Teile des „Großen Querlichsloch“ wurden sehr wahrscheinlich auch zu kultischen Handlungen, wie Jagdzauber oder Fruchtbarkeitskult genutzt.

Die ältesten Funde stammen aus der jüngeren Altsteinzeit (Jungpaläolithikum) und gehören der Magdalenien-Kultur von18.000 v. u. Z. bis 8.000 v.u. Z. an. Die zum Jungpaläolithikum gehörende archäologische Kulturstufe das Magdalenien wurde 1869 von Mortillet nach der Halbhöhle „La Madeleine“, Departement Dordogne in Süd-Frankreich benannt. Die 1964 entdeckte Feuerstelle im tiefsten Teil der Höhle brachte nicht nur den kulturhistorisch wertvollsten Fund die „Venus von Garsitz“ , das älteste menschliche Kunstwerk unseres Gebietes, zu Tage, sondern lieferte Sedimente und Holzkohlereste, die nach Untersuchung mit der Radiokarbonmethode ein Alter von 13.900 Jahren v.u. Z. ergaben. Das stilisierte aus Mammutelfenbein geschnitzte 7,5 cm hohe Frauenfigürchen war mit mehreren bis zu 44 cm langen aus Mammutelfenbein geschnitzten Speerspitzen an der Feuerstelle gefunden worden, die aber mehr kultischen Zwecken, Durchmesser ca. 1 cm, dienen konnten.

Bild 21: Die „Venus von Garsitz“, ein 7,5 cm hohes aus Mammutelfenbein stilisiert geschnitztes Frauenfigürchen, welches durch Eisen-, Manganmineralisierung fast schwarz gefärbt wurde, gefunden 1964 (1)


Bild 22: Feuersteingeräte (Silexgeräte) ausHöhle und Schnittgraben, Funde 1960er Jahre (1)


Mit Ausklang der Weichseleiszeit aus dem Norden und der Würmeiszeit aus dem Süden herrschte hier tundrahaftes Klima. Die Vegetation wird der waldfreien Strauchtundra zugerechnet und die untersuchten Holzkohlereste konnten der Pappel, Zwergbirke, Gletscherweide, Kiefer, Hasel, Vogelbeere, Ahorn und Buche zugeordnet werden.

Weitere Funde waren Feurersteingeräte, die als Messer, Schaber oder Pfeilspitze dienten. Der Feuerstein aus welchem, die Geräte hergestellt waren, kam aus dem Norden (Kreidezeit), aus dem Jura von Franken und aus Bulgarien. Die Knochen der erjagten Tiere konnten z. B. den Wildpferd, Wildesel, Höhlen- und Braunbär, Bison, Wisent, Rentier, Rothirsch. Wildschwein, Wolf. Höhlenhyäne, Fuchs, Lemming und weiteren Kleinsäugern zugeordnet werden. Interessant sind die Hornzapfen-Funde von fünf Saiga-Antilopen, welche der einstigen Kältesteppenfauna zuzuordnen sind und währen der Eiszeit aus den Kasachischen Steppen bis nach Südfrankreich verbreitet waren. Die Menschen lebten als Jäger und Sammler und ernährten sich ausschließlich von der Natur. Die Vielzahl der gefundenen Pferdeknochen und Pferdezähne lassen auch aufgrund der exponierten Lage des Zechsteinriff mit seinen grasbewachsenen Hochflächen und den an sich in nördliche Richtung anschließenden bis 15 m senkrecht in die Tiefe reichenden Felsen an eine Absturzjagd denken, obwohl dafür noch keine Belege vorliegen. Typische Belege für diese Zeit sind die gefundenen Steinartefakte (Silexartefakte – Bild21) als Stichel-Werkzeuge mit rautenförmigem Querschnitt und Knochengeräte, wie Knochenpfrieme für die Lederbearbeitung.

Die jüngere Steinzeit (Neolithikum) von 4.500 v. u. Z. bis 1.800 v. u. Z. ist mit vielen Funden belegt. Diese Kultur entwickelte sich aus dem Ostmittelmeerraum donauaufwärts über Süddeutschland, den fruchtbaren Böden folgend, über die Elbe, Saale in das Rinnetal oder direkt südlich über den Thüringer Wald, zu uns. Es waren sesshaft gewordene Ackerbauern und Viehzüchter, welche bereits feste Häuser aus Holz und Lehm errichteten. Sie beherrschten die Textilherstellung (Schafwolle, Leinen), vervollkommneten die Steingeräteherstellung und brachten die Töpferei mit. Bei den Ausgrabungen wurden viele hunderte von Gefäßscherben gefunden, so dass eine Zuordnung durch die z. T. mit typischen Linien- und Stichornamenten verzierten Gefäßescherben zur jüngeren Linienbandkeramik mit Beginn vor ca. 4.500 Jahren v. u. Z. erfolgte. Der für die Gefäße benötigte Ton kann in der Umgebung von Garsitz gewonnen worden sein. Die Ausgrabungen im „Großen Querlichsloch“ bewiesen, dass die Höhle zumindest vorübergehend besiedelt war und den einzigen nachgewiesenen Siedlungsplatz der Bandkeramiker im ehemaligen Landkreis Rudolstadt darstellt. Warum diese Menschen in der unwegsamen Bergregion von Garsitz siedelten und nicht in den fruchtbaren Auen der Flusstäler, ist noch nicht zweifelsfrei geklärt. Vermutlich könnten kriegerische Auseinandersetzungen oder klimatische Bedingungen eine Rolle gespielt haben. Weitere charakteristische Funde sind mehrere Flachhacken aus Amphibolit zu Feldbearbeitung. Die Letzte wurde 1996 unmittelbar im Eingangsbereich der Höhle nach innen gefunden. Eine Reibemühle bestehend aus Mahlplatte und Handreiber (davon wurden mehrere gefunden)für die Mehlherstellung, Knochenpfrieme, Feuersteinartefakte und Knochenrestesind als besondere Funde zu nennen.


Bild 23: Bandkeramische Gefäßscherbe – Sinterpaketvor Abgang Kesselan einer Feuerstelle, Garsitz – „Großes Querlichsloch“ 1970, Foto: Eigentum Ingolf Heinze



Bild 24: Bandkeramische Gefäßscherben gleiche Fundstelle wie Bild 22
Foto: Eigentum Ingolf Heinze





Bild 25: neolithische Reibemühle mit Mahlplatte und Handreiber (Lange Berg Quarzit), gefunden Mitte der 1960er Jahre, oberer Höhlenraum
Foto: Heinz Oswald

Bild 26: Flachhacke zur Feldbearbeitung mit Rekonstruktion, gefunden 1996 im Eingangsbereich zum „Großen Querlichsloch“
Foto: Ingolf Heinze


Die Funde aus der Bronzezeit von 2.200 v.u. Z. bis 700 v.u. Z. belegen, dass der Mensch in der Lage war, metallische Erze abzubauen, einzuschmelzen und daraus Bronze herzustellen.

Ob die für die Herstellung von Bronze, (Zusammensetzung aus 90 % Kupfer und 10 % Zinn), benötigten Erze aus einheimischen Vorkommen gewonnen wurden ist noch nicht belegt. Denkbar ist allerdings, dass bereits Bergbau auf Kupfererze in der Bronzezeit stattgefunden hat, da im Raum Pennewitz, Dörnfeld und Garsitz der Kupferschiefer aus der Zechstein-Zeitoberirdisch zu Tage tritt. In dieser Zeit gab es bereits feste Handelswege quer durch Europa, worüber auch ein Warenaustausch mit bereits verhütteten Erzenoder nur für Zinn, da es hier nicht als Erz vorkommt erfolgt sein konnte. Mit der Verarbeitung von Metall beginnen sich auch die gesellschaftlichen Strukturen zu ändern, da sich verschiedene differenzierte Handwerksbereiche herausbildeten. Im benachbarten Pennewitz wurden auf dem „Buchberg“ wiederholt wiederverwendbare Gussformen aus der Bronzezeit gefunden. Als Grundmaterial für die Gussform wurde der dort anstehende Buntsandstein verwendet. Bereits Ende der 1950er Jahre fand man in der an die Flur4 Garsitz grenzenden Dörnfelder Flur ein Randleistenbeil aus der bronzezeitlichen Hügelgräberkultur. In der Höhle „Großes Querlichsloch“ und dem Schnittgraben davor, wurden bronzezeitliche Keramik, Knochen, Feuersteingeräte und einige nicht zu identifizierende Bronzegegenstände gefunden. 1954 wurde bereits ein bronzener Armreif gefunden. Der zweite Armreif wurde Anfang Dezember 1971 und drei weitere bronzenen Pfeilspitzen Anfang Juli 1972, fast an gleicher Stelle, von Ingolf Heinze im Schnittgraben vor der Höhle gefunden. Zwei von den Pfeilspitzen waren Fehlgüsse und die dritte war scharf geschliffen, hatte aber keine Tülle mehr (rohrförmiger Teil des Pfeiles, worin der Holzschaft steckt). Die Funde werden der Urnenfelderkultur zugeordnet.


Bild 28: Armreif (gef. 1971) und Pfeilspitzen (gef. 1972) aus Bronze, gefunden im Schnittgraben vor der Höhle Juli 1972Foto: A. Zißka 


Weitere Funde die der Latenezeit und /oder der Römischen Kaiserzeit zuzuordnen sind. Beim Wegebau oberhalb des Garsitzer Sportplatzes fand Dieter Reise im Juli 2001 eine 7,8cm lange und 5,5 cm breite, sehr gut erhaltene Gewandfibel mit Patinaüberzug, wahrscheinlichLatenezeit oder Römische Kaiserzeit400 v. u. Z. bis 1-2J. u. Z.


Bild 29: Bronzene Gewandfibel, gefunden 2001 oberhalb Garsitzer Sportplatz
Foto: Ingolf Heinze


Im Bereich des Zechsteinriffs Richtung Steinbruch Garsitz fand Ingolf Heinze bei Erkundungsarbeiten an einer kleinen Höhle 2001 in einer Felsspalte frei liegend einen patinierten bronzenen Fingerschlüssel, welcher wahrscheinlich der Römischen Kaiserzeit zugeordnet werden kann (15).


Bild 30: patinierter bronzener Fingerschlüssel, Garsitz/Gebörne 2001
Foto: Ingolf Heinze


Ingolf Heinze


Die Fachgruppe Höhlen- und Karstforschung, Ur- und Frühgeschichte Königsee im KB e.V. entwickelte sich in ihrem 52 jährigen Bestehen von 1962 bis 2014 zu einem wichtigen kulturellen Träger der Erhaltung, Erforschung und Pflege der Höhlen hier auf dem Gebörne. Nicht nur die geologischen, hydrologischen und archäologischen Forschungen um Garsitz, sondern auch jeneim weiteren Territorium und im Ausland, trugen zum Bekanntheitsgrad der Fachgruppe bei. Neben den vielen fachlichen Weiterbildungen und Exkursionen kam auch der gesellige Teil nicht zu kurz und lebt seit der Gründung in den jährlichen Sommer und Winterhöhlenfesten fort. Eine besondere Herausforderung war die Errichtung einer kleinen Schutzhütte oberhalb der Höhle. Sie diente der Grabungsabsicherung, der Unterbringung von Werkzeugen und als Unterkunft. Die Einweihung der ersten kleinen Schutzhütte erfolgte 1970. Sie wurde durch die tatkräftige und materialseitige Bereitstellung von Karl Frank aus Pennewitz, der gelernter Zimmermann war, gestiftet.


Bild 31: Erste Höhlenforscher Schutzhütte 1970 auf dem „Gebörne“ oberhalb des „Großen Querlichsloch“
Foto: Ingolf Heinze


Mit den Aufgaben wuchs auch der Platzbedarf, so dass durch die Fachgruppe 1985 ein Anbau an die alte und viel zu klein gewordene Hütte vorgenommen, wurde.


Bild 32: Anbau an die alte Schutzhütte 1985
Foto: Gerhard Hertwig

Ende 1999 Stand jedoch der Abriss zur Debatte. Die bis zu drei Meter hohen Holzstämme, die dem Ausgleich des Hanggefälles dienten und auf denen die Hütte errichtet wurde, faulten durch. Nur mit großer Unterstützung vom damaligen Bürgermeister Karl Heinz Hoppe und vielen Sponsoren wurden die alte Hütte im Januar 2000 abgerissen und zum Sommer-Höhlenfest 2000 eine komplett neue Höhlenforscherbaude eingeweiht.

Anlässlich der Feier zur800 jährigen Ersterwähnung der Stadt Königsee im Jahr 1999, erfolgte im Vorfeld der Feierlichkeiten die Einweihung des „Naturhistorischen Schauraumes“am 13. August 1999 in Garsitz. Die fachliche Gestaltung der Themenkreise Geologie, Bergbau, Speläologie und die Ur- und Frühgeschichte erfolgte durch den Vorsitzenden der Fachgruppe, Frau Gisela Bock aus Königsee übernahm die Gestaltung der Pflanzen- und Tierwelt des Waldes und die Stadt Königsee mit dem Bauhof setzte alles in die Praxis um.

Besondere Aktivitäten entwickelten sich im Sommer 1990, als zum ersten Mal fränkische Höhlenforscher von sich aus zu uns kamen und ein gemeinsames Treffen auf dem Gebörne organisiert wurde. Die bis heute andauernde freundschaftliche Verbindung führte zu vielen gemeinsamen Exkursionen, besonders in die Fränkischen Schweiz, in das Altmühltal und natürlich in den Osten Deutschlands.


Literaturangaben:

1 Feustel, Rudolf; Kerkmann, Klaus DER BÄRENKELLER BEI KÖNIGSEE-GARSITZ, EINE
Schmid, Elisabeth; Jacob, HelgaJUNGPALÄOLITISCHE KULTHÖHLE. Alt-Thüringen Band XI,
Weimar 1971, Jahresschrift Museum Ur- und Frühgeschichte Thüringens

2 Deubler, Heinz BANDKERAMIK IN THÜRINGER HÖHLEN, Alt-Thüringen Band VII, Weimar 1964/65, Jahresschrift Museum Ur-und Frühgeschichte Thüringens

3 Deubler, Heinz Das Gebiet Königsee in der Sage, Rudolstädter Heimathefte Heft 1, 1956 Seite 27-28

4 Heinze, Ingolf Festschrift zur 800 Jahrfeier der Stadt Königsee Seite 8-12, Bergemann Druck Königsee 1999

5 Schüleraufsätze Gymnasium Rudolstadt unter Prof. L. F. Hesse, Thüringer Staatsarchiv Rudolstadt, Sammlung Haus Schwarzburg. AXIV 51 Heft 6

7 Witschel, August Kleine Beiträge zur deutschen Mythologie, Sitten- und Heimathskunde in Sagen und Gebräuchen aus Thüringen, Teil Sagen aus Thüringen, Wien 1866

8 Rein, Siegfried Georg Christian Füchsel (1722-1773) – ein Aktualist entdeckt die Tiefenzeit der Erdgeschichte, Vernate 28, Seite 11-30, Erfurt 2000

9 Thüringer Staatsarchiv Rudolstadt Gutachten und Bericht über eine Höhle im Lommel bei Königsee, in der das Wasser zu Stein wird (1760), Geheimes Ratskollegium Rudolstadt, C V 1e Nr. 16

10 Fischer, Henry Aus meinem Garsitzer Höhlen-Tagebuch, Rudolstädter Heimathefte 1962, Heft 2/3 1. Teil , Heft 42. Teil, Heft 5/6, Teil, Heft 8/94.Teil, Heft 105. Teil,

11 Thüringer Staatsarchiv Rudolstadt Landratsamt Arnstadt-Gehren, Nr.2115

12 Heß von Wichdorff, Die Thüringer Höhlen, Zeitschrift des Thüringer Höhlenvereins e.V., Band 1 (1927-1930) Seite 5, 43, 65) bei Garsitz, Rudolstädter HeimathefteHeft5/6, 43.JG, 1997, Seite 117-119

14 Heinze, Ingolf Der „Naturhistorische Schauraum“ in Garsitz, Rudolstädter HeimathefteHeft 3/4., 46.JG, 2000 Seite 49-50

15 Gramm, Heinz Deutsche Werkmeisterbücherei, Gruppe VI Schlosserei, Band 2 Verschlüsse und Schlösser, Verlag A. Siemsen, Lutherstadt Wittenberg, Berlin 1941